Deontische Fragen, Urteilsbildung, Bewertungssysteme

Univ.-Prof. Dr. Hans Dehlinger (Grundlagen des Industrial Design)

Das Manuskript "Deontische Fragen, Urteilsbildung, Bewertungssysteme" ist als
Nr. 7/94 der "Arbeitsberichte aus dem Fachgebiet Design-Theorien und Methoden",
Fachbereich Produkt-Design/Universität GhKassel erschienen und wurde als Beitrag
zu einer Festschrift für Arne Musso verfasst.



7.1

Arten von Werten und Arten von Bewertungsaufgaben

Für das Entwerfen haben deontische Fragestellungen der Form "Soll x der Fall sein?" eine besondere Bedeutung. Sie fordern den Entwerfer auf, Entscheidungen zu fällen, zu beurteilen, abzuwägen - und immer sind von solchen Entscheidungen auch die Qualität (die Güte, der Wert, die Akzeptanz usw.) der Entwürfe berührt. Kenntnisse über die Behandlung solcher deontischer Fragen, über die Probleme des Urteilens und die Systeme des Bewertens gehören aus diesem Grund zur professionellen Kompetenz und zum instrumentellen Wissen des Entwerfers. über "Werte" kann man unterschiedliche Auffassungen haben: als "ethischer Idealist" wird man annehmen, daß es Werte an sich gibt; als "ethischer Relativist" wird man dies bestreiten. Situationsbedingt mag man einmal dieser, ein andermal jener Auffassung sich zuneigen.

Aus der Sichtweise des Idealisten gibt es Werte, die allgemein gültig sind und die niemals umgestoßen werden können. An Begriffe wie Freiheit, Treue, Menschenrechte knüpfen sich derartige Vorstellungen. Aus der Sichtweise des "Relativisten" hat ein Objekt einen Wert, der davon abhängt, welche Person im Hinblick auf welchen Zweck zu welcher Zeit dieses Objekt einschätzt. Der Wert (X) ist eine Funktion des Bewerters (A), des bewerteten Objekts (O), des ins Auge gefaßten Zwecks (T) und der Zeit (t), zu welcher die Bewertung stattfindet.

[1]  X = fA(O, T, t)

Diese Position dient als Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen zur Rolle der Bewertungen beim Entwerfen. Mit [1] lassen sich die unterschiedlichen Arten von Bewertungssituationen als Kombination der folgenden Variablen ausdrücken: Personen: Ai; Objekte: Oi; Zwecke: Ti; Zeiten: ti.

X1 = fA(O1, T, t) und X2 = fA(O2, T, t)

bedeutet dann: eine Person A bewertet zwei verschiedene Objekte O1 und O2 für ein und denselben Zweck T zur gleichen Zeit t. Und analog:

X1 = fA(O, T, t1) und X2 = fA(O, T, t2)

eine Person A bewertet ein Objekt O für den Zweck T zu zwei verschiedenen Zeiten t1 und t2.

Das Urteil von A kann durchaus verschieden ausfallen, wenn über die "gleiche" Situation zu verschiedenen Zeiten befunden wird. Eine auf [1] basierende systematische Auflistung möglicher Fälle ist in Abb.7.1 dargestellt.

Abb.7.1: Systematische Auflistung möglicher Fälle


Der in [1] enthaltene Sachverhalt zeigt sich von einer weiteren Seite, wenn für Bewertungssituationen unterschieden wird zwischen:

(a) Einzelbewertung,
(b) Vergleichender Bewertung und
(c) Bewertung durch eine Einzelperson oder durch eine Gruppe.

(a) Einzelbewertung.
Sie versucht eine einzelne vorliegende Ma§nahme für den verfolgten Zweck einzuschätzen; geht also der Frage nach, ob sich eine Entscheidung zugunsten einer besonderen Idee, einer speziellen Technologie, eines bestimmten Produktes, eines konstruktiven Systems oder dergleichen verbessernd oder verschlechternd auf den Entwurf auswirkt.

(b) Vergleichende Bewertung
Hier ist aus verschiedenen vorliegenden Alternativen die für den verfolgten Zweck am besten geeignete herauszufinden. Aufgabe eines Preisgerichtes bei einem Architektenwettbewerb ist es, aus den konkurrierenden Entwürfen durch vergleichende Bewertung einen Vorschlag auszuwählen und zu sagen: "Dies soll gebaut werden".

(c) Die grundsätzlichen Möglichkeiten, aber auch die Schwierigkeiten, welche eine Einzelperson an einer Bewertungsaufgabe vorfindet, treffen zu auf jedes Gruppenmitglied bei einer Bewertung durch eine Gruppe. Die Problematik von Bewertungen durch eine Einzelperson erweitert sich aber bei Bewertungen durch Gruppen um die Fragestellung, wie die Gruppe als Gruppe ein Urteil fällen soll.


7.2

Bewertungsskalen

Die Höhe eines Tisches ist mit Hilfe eines Zollstocks leicht nachzumessen. Ein Ma§ für diese Höhe kann aufgrund der Konventionen zur Längenmessung schnell zugewiesen und überprüft werden. Für das Messen der Güte eines Objektes, einer Idee, eines Ereignisses oder dergleichen fehlen allgemein gültige Vereinbarungen. Die Skalen, auf welchen dafür ein Wert x festgelegt werden kann, müssen zuvor vereinbart (entworfen) werden.
Beispiele für solche Skalen sind:



Umgesetzt in eine Differenzenskala läßt sich eine derartige Skala auch folgendermaßen schreiben:



Diese Skala enthält elf diskrete Meßpunkte. Es ließen sich auch weniger rechtfertigen wie etwa in:



Auf eine grundsätzlich bleibende Schwierigkeit muß sogleich hingewiesen werden: Die Bedeutung einer Zuweisung (z.B. "+5" oder "könnte nicht besser sein") hängt vom jeweiligen Verständnis des Bewerters über "das Beste" ab.
Intersubjektiv nachvollziehbar wird sie erst durch weitere Maßnahmen (Informationen, Kommunikation), auf die etwas später eingegangen wird. Die bisherigen Überlegungen lassen sich in folgender Weise zusammenfassen: Der Prozeß der Urteilsfindung endet mit der Identifikation eines Meßpunktes auf einer Skala.



7.3

Typen von Urteilen

Urteile lassen sich unterscheiden in Gesamturteile (Globalurteile) und Teilurteile (Partialurteile), welche jeweils spontan gefällt oder überlegt (deliberiert) gefällt werden können:


Abb. 7.2: Typen von Urteilen


Es gibt zahllose Umstände, in denen ein Entwerfer mit spontan gefällten Gesamturteilen zufrieden ist. In manchen Fällen ist es aber ratsam, Spontanurteile durch überlegte (deliberierte) Urteile zu ersetzen. Gründe dafür können sein:

- die Aufgabe ist zu komplex, man ist unfähig, ein Spontanurteil zu fällen
- man traut seinem Spontanurteil nicht
- man hat seine Entscheidung gegenüber Dritten zu erklären oder zu begründen.

Der zuletzt angeführte Grund wird "Objektifikation" genannt. Gemeint ist damit eine weichere Form der wissenschaftlichen "Objektivität". Für wissenschaftlich objektive Beobachtungen gibt es genau festgelegte Regeln:

Beobachtet A in einem Experiment das Phänomen x, dann kann auch B unter denselben experimentellen Bedingungen x beobachten. Beobachtung und Experiment sind wiederholbar. Solche Verfahren gibt es für Bewertungsaufgaben beim Entwerfen nicht. Anstelle von "Objektivität" wird hier eine schwächere Aussage, die "Objektifikation" eingeführt. Sie ist wie folgt definiert: A hat seine Auffassung gegenüber B erfolgreich objektifiziert, wenn B für A urteilen kann und dabei zum selben Ergebnis kommt, ohne notwendigerweise A`s Wertesystem zu teilen.



7.4

Deliberation

Angenommen es liegt ein spontanes Gesamturteil vor:



Die Angemessenheit dieses Urteils wird angezweifelt und es soll nun durch ein deliberiertes Gesamturteil ersetzt werden. Was ist zu tun? Deliberation bedeutet, ein spontanes Gesamturteil als Funktion weiterer Urteile zu einzelnen Aspekten aufzufassen:



Durch den Prozeß des Überlegens wird ein Gesamturteil abhängig gemacht von einer Reihe von Teilurteilen. Aber auch ein Teilurteil kann seinerseits zu weiteren Überlegungen Anlaß geben, da man ja nicht notwendigerweise nach der ersten Überlegung aufhören muß nachzudenken:



Veranschaulicht als Schema stellt der Deliberationsprozeß einen Graphen in Baumstruktur dar.

Der Deliberationsprozeß endet in den Endknoten dieses Baumes. Als äberraschendes Ergebnis dieser Überlegungen stoßen wir auf ein scheinbares Paradox. Es ist das erklärte Ziel der Deliberation, Spontanurteile durch überlegte Urteile zu ersetzen, dennoch werden auf der nächsten Ebene der Überlegungen weitere Spontanurteile notwendig. Die Urteile an den Endknoten des Baumes bleiben Spontanurteile. Viele Überlegungen erzeugen viele weitere Spontanurteile, wobei es keinen Grund gibt anzunehmen, daß diese leichter zu handhaben sind als jene, mit denen die Überlegungen angefangen haben.


Abb. 7.3: Deliberationsbaum



Sucht man nach Stoppregeln für diesen Prozeß, so können folgende Fragen weiterhelfen:

- kann man dem Spontanurteil trauen?
- ist "Objektifikation" erreicht?
- gibt es weitere Gesichtspunkte, weitere Aspekte?

Der Deliberationsbaum verdeutlicht auch sehr anschaulich, wie der Begriff der Objektifikation zu verstehen ist. Wenn A einen derartigen Deliberationsbaum an B übergibt und gleichzeitig erläutert, was unter den Funktionen f, f', etc. zu verstehen ist, so wird B befähigt, sich in A`s Wertesystem zu versetzen und Entscheidungen stellvertretend für A zu fällen.



7.5

Aggregationsfunktionen

Sie sind notwendig, um die vielen Teilurteile (sowohl die spontan wie auch die überlegt gefällten) in ein einziges Gütemaß zu überführen. Alle differenzierenden Überlegungen im Rahmen einer Bewertungsaufgabe werden schließlich nur angestellt, damit ein begründetes Gesamturteil möglich wird. Ein fortschreitendes Auffächern von Aspekten in Teilaspekte ist kennzeichnend für den Prozeß der Deliberation. Die vielen Teilurteile mit Hilfe der Aggregationsfunktionen wieder zu einem (und nur einem) Gesamturteil zusammenzufassen, ist Aufgabe des Aggregationsprozesses.



Abb. 7.4: Deliberation und Aggregation




Um zu brauchbaren Ergebnissen zu gelangen, sind einige Annahmen notwendig:

(a) die Aspekteliste {x1, x2, . . . , xi, . . . , xn} mu§ vollständig sein. Was in den Augen der Bewerter von Belang ist, muß sich in den Kriterien wiederfinden;

(b) die xi`s müssen logisch voneinander unabhängig sein. In dem folgenden Beispiel

xi: Materialkosten
xj: Materialkosten Oberflächenbehandlung

ist die Annahme (b) nicht eingehalten. Jederzeit möglich wäre hingegen, die zwei Aspekte xi, xj auf verschiedenen Ebenen des Deliberationsbaumes zu behandeln:







Mögliche Axiome über F(xi)



Als einfachste Möglichkeit der Aggregation von Urteilen bietet sich das Addieren der Einzelurteile an:



Ein Wichtungsfaktor , den einzelnen Aspekten zugewiesen, legt deren relative Bedeutung fest:



Über den Wichtungsfaktoren liegt die Bedingung:



das hei§t, die `s müssen normalisiert sein (es handelt sich um relative Gewichtungen).
Ein kleines Beispiel soll die bisherigen Überlegungen zusammenfassen:



Für jeden der drei Beurteilungsaspekte x1 (Kosten), x2 (Bequemlichkeit), x3 (Schönheit) ist eine Skala von -3 bis +3 vorgesehen. Die Kosten werden mit -3, die Bequemlichkeit mit +2, die Schönheit mit +1 beurteilt. Die Aspekte sind gewichtet, für x1 ist 0.5; für x2 ist 0.3; ;r x3 ist 0.2. Die Summe der Wichtungsfaktoren ist:

0.5 + 0.3 + 0.2 = 1

Die Summe der gewichteten Aspekte ist:




Der Aggregationsfunktion vom Typ I liegt ein etwas opportunistischer Standpunkt zugrunde. Die Gewichtungen der einzelnen Aspekte sind als relative (oder prozentuale) Gewichtungen vergeben. Dadurch wird ein Aushandeln der Wichtigkeit verschiedener Aspekte erst möglich. Soll ein Aspekt mehr Gewicht bekommen, mu§ von anderen Aspekten etwas abgezogen werden. Der Wichtungsvektor (1, 2, 3, . . . , n) kann natürlich für verschiedene Personen verschieden sein.


Zwei weitere Möglichkeiten der Aggregation folgen.

Aus der Sicht eines Perfektionisten ist dieser Ansatz interessant:




Das schwächste Glied in der Kette bestimmt den Wert des Ganzen. Besondere Qualitäten an anderer Stelle kompensieren eine Schwachstelle nicht. Der am schlechtesten bewertete Teilaspekt bestimmt den gesamten Wert. Wird dieser schwächste Aspekt verbessert, so bessert sich das Ganze bis ein anderer Aspekt kritisch wird.

Nimmt beispielsweise der Wert eines solchen Teilaspektes auf einer Skala von -5 bis +5 den schlechtest möglichen Wert von -5 an, so wird der Gesamtwert auf -5 festgesetzt.

Eine weitere Aggregationsfunktion, die für diesen Grenzfall auch ein solches Ergebnis liefert, sich ansonsten aber völlig anders verhält, soll als letzte Möglichkeit diskutiert werden:





Erläuternde Anmerkungen zu dieser Funktion:
falls ein Aspekt xi mit -5 bewertet wird, ergibt dies:




falls jeder Aspekt xi mit +5 bewertet wird, ergibt dies:




und falls jeder Aspekt xi den Wert a erhält, ergibt dies:



Eine Funktion dieses Types ist nichtlinear. Je schlechter ein Aspekt bewertet wird, desto stärker schlägt er zu Buche. Aspekte wie Brandsicherheit, Statik etc., deren Versagen nicht zulässig ist, können somit mit der gebotenen Schärfe zur Geltung gebracht werden.



7.6

Kriterienfunktionen




Die Urteile an den Endknoten des Deliberationsbaumes müssen genauer betrachtet werden. Es gibt Situationen, in denen spontan gefällte Teilurteile als zweifelhaft erscheinen. Besonders dann, wenn Entscheidungen im Auftrag und im Interesse anderer zu fällen sind - was bei Entwurfs- und Planungsaufgaben in der Regel gegeben ist. Entwerfer müssen sich in die Wertesysteme anderer hineindenken können, was besonders schwer ist, wenn diese Anderen nicht bekannt sind. Aber auch in jenen Fällen, wo ein Bauherr bekannt ist, tritt das weiter oben angesprochene Problem der "Objektifikation" auf: Wenn A sich nicht ausschließlich auf das Urteil von B verlassen will, muß A deutlich machen, was er als gut oder schlecht ansieht. Er kann dies erreichen, indem er die Urteile an den Endknoten des Deliberationsbaumes auf irgendeine Weise von meßbaren Größen abhängig macht.

Derartige Abhängigkeiten werden durch Kriterienfunktionen dargestellt. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:
angenommen, für die kostengünstige Herstellung eines Produktes sei es wichtig, die "Anzahl unterschiedlicher Teile" als einen Aspekt der Bewertung einzuführen.


Als Kriterienfunktion dargestellt:



Abb. 7.6: Kriterienfunktion "Anzahl unterschiedlicher Teile"




Übergibt A ein derartiges Schaubild an B, so weiß B, wie er in den Augen von A zu bewerten hat. In Abb. 7.6 ist eine Stufenfunktion gezeigt. Das Ideal der Objektifikation ist erreicht, wenn jedem Endknoten des Deliberationsbaumes eine Kriterienfunktion zugeordnet ist. Gibt es davon überhaupt keine, so ist das Urteil gänzlich von der subjektiven Einschätzung des Bewerters abhängig. Die Abb. 7.7 veranschaulicht diese zwei Fälle.




Abb.7.7: Das Ideal der Objektifikation



Weitere Beispiele für unterschiedliche Formen von Kriterienfunktionen sind in den folgenden Abbildungen dargestellt.



Abb. 7.8: Beispiele unterschiedlicher Kriterienfunktionen




7.7

Verfahren für eine Bewertung durch eine Einzelperson