Wie lernt man das Entwerfen?

    Beim Versuch, das Entwerfen zu definieren, haben wir gesehen, daß es eine Vielzahl möglicher
    Definitionen gibt und daß man sich entscheiden muß, welche davon man unterschreiben will.

    Ähnliches gilt, wenn man Modelle der Entwurfslehren betrachtet. Nicht selten sind an einer
    Hochschule unterschiedliche, ja sich widersprechende Auffassungen über die "richtigen" Methoden
    des Entwerfens anzutreffen. Das ist sogar wünschenswert, denn eine Schule ist desto besser, je
    vielfältiger (und extremer) die an ihr vertretenen Lehrmeinungen zum Entwerfen sind, sofern dieses
    Nebeneinander toleriert wird. Die sich daraus ergebenden Widersprüche sind dann eine ständige
    Herausforderung an die Studierenden, eigene Standpunkte zu formulieren, indem sie probeweise
    der einen oder anderen Lehrmeinung folgen, in Projekte eintauchen und versuchen, mit den ange-
    botenen Hilfestellungen zurechtzukommen.

    Zur Beantwortung der Frage, wie denn das Entwerfen zu erlernen sei, kann man versuchen, die
    Frage, was die Entwerfer können sollen und welche Fähigkeiten sie besitzen sollten, zunächst zu
    stellen und dann zu überlegen, welche Modelle sich anbieten, diese Fähigkeiten auszubilden.
    So will ich auch vorgehen.

Fähigkeiten, über die Entwerfer verfügen (verfügen sollten):

    (1)  Ganz vorne in dieser Liste steht das "Entwerfen" selbst. Hier liegt das eigentliche Feld der
           Expertise zum Beispiel eines Produkt-Designers, eines Architekten oder Planers. Letztlich
           zielt die ganze Ausbildung darauf ab, jenes Wissen und jene Fähigkeiten zu entwickeln, auf
           deren Basis man Problemen mit entwerferischem Denken und Handeln entgegentreten kann.
           Entwerfen, wie es hier gemeint ist, geht weit über das Entwerfen von Objekten hinaus.
           Es gibt eine große Klasse von Problemen, die sich als Entwurfsprobleme darstellen lassen
           und die mit den Methoden des Entwerfens vorteilhaft zu bearbeiten sind.

           Wir werden später, wenn wir über Wissen und Wissensarten reden, noch etwas genauer auf das
           "entwerferische Denken und Handeln" eingehen.

    (2)  Werden die Entwürfe realisiert, haben sie in vielfältiger Weise Auswirkungen auf Menschen.
           Das muß der Entwerfer sich ständig vor Augen halten. Es ist seine Pflicht, sich Gedanken über
           die Konsequenzen seiner Entwürfe auf Menschen zu machen, die davon betroffen sind.
           Die Analyse des menschlichen Verhaltens, die Erfordernisse des menschlichen Körpers, seine
           Maße, seine Möglichkeiten und Begrenzungen gehören zu den Anforderungen aus seiner Arbeit.
           "Vom Brauchen der Dinge haben wir auszugehen" - so hat Wilhelm Wagenfeld das einmal
           formuliert.

    (3)  Der Entwerfer braucht Fähigkeiten, Ideen, Konzepte, Pläne usw. adäquat darzustellen. Er braucht
           Methoden der Darstellung, um seine Ideen sich und anderen vorzustellen. Es ist die Sprache der
           schnellen räumlichen Skizzenreihe, der körperhaften Zeichnungen, der skizzenhaften dreidimen-
           sionalen Arbeitsmodelle, der systematischen morphologischen Variationen, der Sprünge zwischen
           Detailüberlegungen und ganzheitlichem Vorgehen, zwischen gedanklicher Schärfe und künstlerischer
           Sensibilität. Es ist das mühelose Wechseln zwischen den unterschiedlichsten Medien, die flüssige
           Beherrschung dieser "Sprache" von der größten Bedeutung.

    (4)  Der Entwerfer braucht Kenntnisse über Materialien und die Methoden ihrer Verarbeitung. Eigentlich
           ist vor seinem neugierigen Zugriff kein Material sicher. Neben den wichtigsten Grundmaterialien und
           ihrer Eignung für bestimmte Anwendungen wird er sich, je nach Studienschwerpunkt, vertiefte Kennt-
           nisse besonderer Materialien sowie der Maschinen, Werkzeuge und Geräte aneignen, die in der Serien-
           fabrikation der rationellen Bearbeitung dieser Materialien dienen. Gute Entwürfe zeichnen sich immer
           dadurch aus, daß sie ein Material kenntnisreich verwenden. Mit der Erkenntnis, daß die Ressourcen
           dieser Welt begrenzt sind, daß es für Mensch und Umwelt schädliche Stoffe und Prozesse gibt, gilt
           auch für den Designer: Du sollst nicht alles machen, was machbar ist.

    (5)  Er muß beoachten, wahrnehmen können und in der Lage sein, dies zu artikulieren. Dabei verliert er
           seine Naivität. Das ist wie in einem der Nachtcafé-Gedichte von Gottfried Benn:

           "... Fett im Haar
           spricht zu offenem Mund mit Rachenmandel
           Glaube, Liebe, Hoffnung um den Hals
           Junger Kropf ist Sattelnase gut
           Er bezahlt für sie drei Biere / ..."

    (6)  Er muß fähig sein, Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten zu entwickeln. Es liegt in der Natur von
           Entwurfsproblemen, daß sie Eigenschaften haben, die dazu führen, daß jeder Entwurf zu einer
           persönlichen Herausforderung mit der Möglichkeit des Scheiterns wird. Trost findet sich hierzu
           beim Verstand über die theoretischen Zusammenhänge und bei der Intuition über die künstlerische
           Kreativität dann, wenn man beide sorgfältig ausgebildet hat.

    (7)  Er muß zu dem geschichtlichen und kulturellen Erbe, in dessen Tradition er steht, eine Beziehung
           entwickeln und versuchen, Zusammenhänge aus der Kulturgeschichte zu verstehen. Er muß wollen,
           seine Arbeit in die zeitgenössischen Zusammenhänge einzuordnen.
 
 

Modelle für das Lehren/Lernen des Entwerfens
 

   M 1 Das "erbdeterministische" Modell

           Das Entwerfen läßt sich nicht lernen, man "hat" es oder "man hat es nicht". Die Schule stellt nur fest,
           wer es kann oder nicht kann. Um Irrtümer zu minimieren, wird die Meinung verschiedener Lehrer
           aggregiert. Dieses erbdeterministische Modell geht davon aus, daß es "Anlagen", eine "künsterische
           Begabung" gibt, die "entwicklungsfähig" ist, wenn sie in das richtige Klima gerät. Ein Lehrer assistiert
           dabei höchstens in der Funktion einer Hebamme.
 

   M 2 Das "autodidaktische" Modell

           Man lernt das Entwerfen nur für sich allein, autodidaktisch. Auf keinen Fall lernt man es an einer
           Hochschule oder Universität. Dafür gibt es in der Designergeschichte, auch in der Architekturgeschichte,
           einige ganz außergewöhnliche Beispiele.
 

   M 3 Das "ostentative" Modell

           Man lernt das Entwerfen an Beispielen: so ist es gut - so schlecht, ja, wenn du das so machst,
           dann muß ...; hier muß das kräftiger werden ...; warum versuchst du das nicht so ...?
           Der Lehrer verweist auf gute und schlechte Beispiele, auf Vorher-Nachher-Situationen usw.
 

   M 4 Das "Über-die-Schulter-Schauen" Modell

           Man lernt das Entwerfen durchs "Über-die-Schulter-Schauen". Man schaut, wie einer, der das kann,
           vorgeht und versucht, es ihm gleichzutun. Man lernt durch das Mitmachen, durch die Mitarbeit bei
           einem Könner. Am wirkungsvollsten ist es, wenn es sich dabei um ein reales Projekt handelt.
 

   M 5 Das "learning by doing" Modell

           Man lernt es, indem man es, wo immer möglich und so oft wie möglich, an den unterschiedlichsten
           Problemen ausübt, einübt. Immerfort, intensiv und konzentriert. Indem man schrittweise Erfahrungen
           sammelt, sich mit anderen darüber auseinandersetzt, indem man sich Wissen und Einsichten in Zu-
           sammenhänge erwirbt und in seinen Urteilen zunehmend sicherer wird.
 

   M 6 Das "methodisch / systematische" Modell
 
           Man lernt das Entwerfen, indem man sich das "Wissen des Entwerfens" systematisch und mit
           entwurfsspezifischen Methoden aneignet, sich klarmacht, was Entwurfsprobleme sind, wie sie
           sich unterscheiden von anderen Problemen und welches Wissen und welche Fähigkeiten nötig sind,
           um sie wirkungsvoll zu bearbeiten. Indem man exemplarisch solche Probleme löst und dabei seine
           Stärken und Schwächen erfährt.
 

   M 7 Das Modell des "göttlichen Funkens"

           Man hofft und wartet. "Den Seinen gibts der Herr im Schlaf."
 

   M 8 Das "Emphatie" Modell

           Man wird von einem verehrten Meister, den man liebt und fürchtet, aufgenommen. Er überträgt sein
           Können in einem langwierigen Prozeß, der durch Himmel und Hölle führt. Wenn man das übersteht
           und wenn man auf dem Weg dahin nicht ausgespien und in die Gosse gestoßen wird, gelingt es eines
           Tages, dem Qualitätsanspruch des Meisters gerecht zu werden. Man geht wie er, trägt die gleiche Fliege
           wie er, redet und gestikuliert wie er und ist auf wundersame Weise selbst zum Meister geworden.
 
 

Wenn man bedenkt, wie man selbst zum Entwerfer wird, dann wird man auch darüber
nachdenken müssen, welche Wege dorthin führen.